Adventskalender #20


Huhu ihr Lieben,

genau heute dürft ihr wieder in die Bücher reinschnuppern. Dann viel Spaß mit den Leseproben von Susanne Esch und Lily Konrad!!

Die von Susanne:
p { margin-bottom: 0.25cm; direction: ltr; line-height: 120%; text-align: left; }p.western { font-family: „Arial“,serif; font-size: 12pt; }p.cjk { font-size: 12pt; }p.ctl { }a:link { color: rgb(0, 0, 255); }Aus dem Prolog

Stocksteif liege ich neben meinem Mann.
Mein Atem ist flach, kontrolliert, mein Kopf leer, meine Gefühle
abgeschaltet. Während des ›ehelichen Beischlafes‹ stand ich –
losgelöst von meinem Körper – neben dem Bett: ein stiller
Beobachter, kalt, emotionslos. Nur langsam vereinen sich meine beiden
Komponenten wieder. Als Johannes’ ruhige, gleichmäßige Atemzüge
signalisieren, dass er eingeschlafen ist, mir ›keine Gefahr mehr
droht‹, kann auch ich mich endlich entspannen und der Traumwelt
überlassen.
Diese Strategie habe ich mir angeeignet,
um mich vor dem Untergang zu bewahren.
Ich erinnere mich kaum noch an die Zeit,
als auch ich Spaß am Sex hatte, denn diesen hat mein Gatte durch
seine permanente Nichtachtung gewisser Grenzen und unzählige
Vertrauensbrüche zunichte gemacht.

Aus Kapitel 1

Der Tag gleitet irgendwie an mir vorbei.
Ich lese, schreibe, singe, zelebriere jede Mahlzeit wie ein
Festtagsdinner. Wenn es ruhig ist versuche ich, ein wenig zu dösen,
um so viel Energie wie möglich zu tanken. Trotzdem bin ich bei
Einbruch der Dunkelheit alles andere als fit, dafür aber bis zum
Zerreißen angespannt.
›Ich darf nicht verschlafen‹, sage
ich mir immer wieder. Meine Blicke wandern zu meiner Armbanduhr. Es
wird halb elf, elf, halb zwölf. Wo bleibt er? Normalerweise kommt er
in jedes Zimmer, wenn er seinen Dienst antritt, und sieht nach, ob
irgendwer noch irgendwas braucht. Als es Mitternacht ist, halte ich
es nicht mehr aus. Ich kann nicht sang- und klanglos hier
verschwinden. Leise steige ich aus meinem Bett. Eigentlich bräuchte
ich mich gar nicht so sehr um Ruhe bemühen, denn ich bin wieder
alleine in meinem Doppelzimmer. Vorsichtig öffne ich die Tür, trete
hinaus auf den Gang.
Wo könnte er sein? Mein Herz klopft mir
bis zum Hals. Aus dem Ärztezimmer dringt ein leises Klappern.
Computertastatur. Ja, da sitzt er. Zaghaft klopfe ich an die
offenstehende Pforte.
Sein Kopf dreht sich in meine Richtung.
»Frau Keller, ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Doch, doch«, beeile ich mich zu
sagen. »Es ist nur … Ich werde morgen entlassen und wollte mich
auch von Ihnen verabschieden.«
»Möchten Sie sich einen Moment
setzen?« Er deutet auf den zweiten, freien Bürosessel. »Ich muss
hier nur noch ein paar Bestellungen fertigmachen, dann hätte ich
etwas Zeit.«
Mit einem Nicken nehme ich Platz. Ich
bin nervös, sehr nervös, und habe keine Ahnung, wie es jetzt
weitergeht. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist Herr Herrlich mit
seiner Arbeit fertig. Er schiebt seinen Bürostuhl neben meinen. Nun
sitzen wir nicht ganz nebeneinander, uns aber auch nicht wirklich
vis-à-vis.
»Eigentlich sollte ich schon heute
entlassen werden«, beginne ich, unsicher, nach Worten suchend. »Aber
ich wollte nicht einfach so gehen, ohne auf Wiedersehen zu sagen.«
»Und dann haben Sie eine Verlängerung
ausgehandelt?«, feixt mein Gegenüber.
Ich werde rot, nicke aber tapfer. »Na
ja, ich hab es mit meiner familiären Situation begründet. Haben Sie
auch Kinder?«
»Hab ich. Zwei. Sechzehn und achtzehn
Jahre alt.«
»Dann muss ich Ihnen ja nicht viel zu
dem Thema erzählen. Mein Mann ist Koch. Das heißt, er arbeitet
meist dann, wenn andere frei haben, und ich muss mich allein um alles
kümmern. Da kann ich jede Minute, die ich länger hierbleiben darf,
weiß Gott gebrauchen.«
»Möchten Sie etwas trinken?«, fragt
mich Herr Herrlich. »Ich muss sowieso noch mal nach einem Patienten
in Zimmer acht sehen. Ich würde Ihnen dann was mitbringen.«
»Ein Kräutertee wäre nicht schlecht.
Dann wird ’s mir ja vielleicht ein bisschen wärmer.«
Einige Minuten später ist er wieder bei
mir. Es dampft aus der Tasse, die er mir reicht. Zuerst noch etwas
holprig, finden wir schließlich doch zu einem ungezwungenen
Gespräch. »Ich hör nicht nur gern Musik, ich mach auch selbst
welche«, erfahre ich. »Ich spiel Tenorhorn in einem Bläserchor.«
Unsere Unterhaltung springt weiter zu
Filmmusik, Kinofilmen, alten und neuen Serien. Wir lachen zusammen,
teilen eine Menge Erinnerungen, tauschen uns über Sänger,
Schauspieler und Filmszenen aus, die uns besonders gut gefallen
haben. Die Zeit verrinnt. Seine Hand schiebt sich allmählich zu
meiner hinüber, streicht sanft über deren Rückseite – eine
vorsichtige, fast fragende Geste, der ich mich nicht entziehe. Wie
ich letztendlich auf seinen Schoß gekommen bin, kann ich nicht
sagen. Jetzt streichelt er nicht mehr meine Hand, sondern abermals
meinen Rücken – unaufdringlich, zärtlich.
Der Reflex, mich zu versteifen,
verbunden mit der angespannten Aufmerksamkeit eines Opfers auf der
Suche nach einer Fluchtmöglichkeit, flackert nur für einen
Sekundenbruchteil auf, und erlischt sofort wieder. Tiefe Entspannung
tritt an dessen Stelle. Mein Kopf sinkt gegen seine Schulter. Oh,
dieser Mann fühlt sich so wahnsinnig gut an. Und diese Hände …
jetzt kann ich verstehen, was meine Mutter meint, wenn sie sagt, mein
Vater hätte einfach ›gute Hände‹. Auch dieser Herr Herrlich hat
sie. Ich spüre seinen Atem an meinem Hals. Seine Lippen hauchen
einen leichten, flüchtigen Kuss auf meine Haut. Was soll ich tun?
Ich will mich nicht wehren, will ihn nicht zurechtweisen, auch wenn
es grottenfalsch ist, was wir hier machen. Aber es ist so unglaublich
schön.
Die Barriere, die seit Jahren alle
erotisierenden Sinneseindrücke schon im Keim abblockte, bekommt
einen Riss. Wohlige Wärme durchströmt mich, wo ich seit Ewigkeiten
nichts als Kälte und Ablehnung empfunden habe. Langsam hebe ich den
Kopf, sehe in Herrn Herrlichs wundervolle Augen. Sie sind hellblau,
mit einem fantastischen Muster: Sternenaugen.
Ich habe nie gerne geküsst. Um ehrlich
zu sein, ich habe bisher so gut wie gar nicht geküsst, weil ich es
eklig fand. Aber als sich sein Mund ganz behutsam dem meinen nähert,
wende ich mich nicht ab. Zaghaft berühren sich unsere Lippen. Ich
schließe die Lider. Nein, das hier ist überhaupt nicht eklig. Das
ist … weich … und warm … und sinnlich.
Zart forscht seine Zunge nach einer
empfangenden Öffnung. Mein Herz schlägt schneller. Ich erwidere
seinen Kuss, habe nicht das Bedürfnis, meine Kiefer aufeinander zu
pressen, mich abweisend zurückzuziehen, davonzulaufen. Ich fühle
mich nicht genötigt, benutzt, beschmutzt, sondern beschenkt.
Erstmals seit Ewigkeiten kann ich den sich vorsichtig an sie
Oberfläche tastenden Impressionen nachspüren, sie staunend
beobachten und … sie zulassen.
Inzwischen ist mir egal, ob ich es
richtig mache oder nicht. Ich tu nur noch, was mein übergeordnetes
Bewusstsein mir eingibt. Unsere Zungen beginnen, miteinander zu
spielen, sich zu umkreisen, die Mundhöhle des anderen
auszukundschaften. Er schmeckt so gut und er küsst … er soll nur
ja nicht aufhören! Seine Hände streichen weiterhin sachte über
meinen Rücken, meine Schultern, meinen Hals.
Ich muss noch sehr auf meine Bewegungen
achtgeben. Die Operationsnaht ist immerhin erst vier Tage alt, und
ich spüre sie bei jeder Regung. Aber ich muss mich gar nicht
großartig bewegen. Er hält mich, und die Position ist angenehm, so
angenehm … Obwohl dieser Mann weder verlangend noch fordernd küsst,
seine Finger mir nichts als Zärtlichkeit angedeihen lassen, teilt
sich mir seine unendliche Sehnsucht überdeutlich mit. Irgendwie ist
er genauso ausgehungert wie ich. Er saugt meine Erwiderung mit einer
Gier in sich hinein, die mich fast ein wenig erschrickt. Es dauert
lange, bis unsere Lippen sich wieder trennen.
»Meine Güte, bist du hungrig«, keuche
ich. Ich kann ihn jetzt nicht mehr siezen.
»Das ist wahr«, gesteht er. »Und du
nicht weniger«, schiebt er mit einem spitzbübischen Lächeln
hinterher.
»Das kann ich nicht leugnen. Und ich
will es auch gar nicht«, gebe ich zu. »Ich habe so lange nichts
Derartiges mehr erfahren. Meinem Mann sind seine Briefmarken so viel
wichtiger als ich.« Die Bitterkeit in meiner Stimme ist nicht zu
überhören.
»Meine Frau kann sich stundenlang von
mir kraulen lassen, aber sie erwidert es selten«, murmelt er, es
erschüttert mich jedoch nicht. Da ich inzwischen weiß, dass er zwei
fast erwachsene Kinder hat, ist es naheliegend, dass er verheiratet
ist. Und auch jetzt, da wir erneut über unsere Familien zu reden
beginnen, fühlt es sich nicht falsch an, auf seinen Schenkeln zu
sitzen. Wir erzählen, hören einander zu, genießen die Gegenwart
des anderen.
»Ich muss noch Tabletten richten«,
unterbricht Jan irgendwann unsere Unterhaltung. »Aber du kannst
mitkommen. Da drüben steht eine Liege …«
Wir wechseln den Raum. Mein
Lieblingspfleger holt zwei frische Laken, eines zum Unterlegen und
eins, um mich zuzudecken, damit ich nicht friere. Er ist so rührend.
Wir reden weiter, während er Tabletten in kleine Behälter füllt –
die Tagesrationen für die Patienten der Station. Ich bin dankbar
dafür, jetzt liegen zu können. Ganz so fit, wie ich dachte, bin ich
doch noch nicht.
Immer wieder unterbricht Jan seine
Tätigkeit, um zu mir zu kommen, mich zu küssen, mir über Wangen
und Haare zu streicheln. Wenn er neben mir steht, kann ich sehen, wie
seine Hose im Schritt spannt und sich eine feuchte Stelle abzeichnet.
Mutig lege ich meine Hand auf seine Erektion. Er geht nicht weg,
scheint meine Berührung ebenso sehr zu genießen wie ich seine
Streicheleinheiten.
Es ist wie ein Traum, und ich bin mir
nicht sicher, ob es nicht auch genau das ist. Allmählich senkt sich
eine bleierne Müdigkeit auf mich nieder. Ich habe so viel erfahren –
über ihn, seine Familie. Auch er weiß über mich mehr als viele,
die mich länger kennen. Ich habe ihm anvertraut, wie zerrüttet
meine Ehe ist, wie sehr ich unter der emotionalen Kälte meines
Ehemannes leide und dass ich mich ein wenig vor dem Heimkommen
fürchte. Weiterhin habe ich klargestellt, dass ich nichts weiter
will, als das, was wir jetzt gerade teilen. Er hat nicht versucht,
mehr zu bekommen oder sich mehr zu holen. Ich kenne den Mann kaum.
Trotzdem fühle ich mich bei ihm so geborgen, so getragen, so …
frei – und kann nicht mal erklären warum.
»Ich bring dich jetzt besser in dein
Bett zurück«, dringt seine sanfte Stimme in meine abschweifenden
Überlegungen. Seine Hände schieben sich unter mich, heben mich an.
Er trägt mich, wie der Prinz sein Schneewittchen getragen haben
muss. Liebevoll deckt er mich abermals zu, nachdem er mich auf mein
Lager niedergelegt hat. »Ich komm nachher nochmal, um Tschüss zu
sagen«, flüstert er, bevor er mir einen letzten innigen Kuss gibt.
Ob ich das glauben soll? Glückselig
drifte ich endgültig ins Reich der Träume hinüber.
Finger, die sachte über meine Wange
streichen, wecken mich. »Ich hab jetzt Feierabend«, sagt Jan leise.
»Und ich würd mich gerne mal bei dir melden«, fährt er, fast
schüchtern, fort.
»NinaKeller@web.de«, verrate ich ihm
meine E-Mailadresse. Ich gehe nicht davon aus, dass es ihm ernst
damit ist. Er ist, wie ich, verheiratet. Auch bin ich keineswegs auf
der Suche nach einer alternativen Quelle der sexuellen Befriedigung.
Aber es war – zugegebenermaßen – eine wunderbare Nacht.
Noch einmal fährt seine Hand durch mein
Haar. »Auf Wiedersehen, Nina«, murmelt er, ehe er sich umwendet und
das Zimmer verlässt.

Die vin Lily:

PROLOG
Robins Blick wurde undurchdringlich, als er Claudia ansah. Es war, als würde er hinter seinen Augen einen inneren Vorhang zuziehen, der seine Gedanken verdeckte. Kein gutes Zeichen, wie sie aus Erfahrung wusste. Aber es ging um eine grundsätzliche Frage, um ihre Zukunft – nicht mehr und nicht weniger. Also richtete sie sich auf, um seiner eisigen Miene zu begegnen, die so viel schwerer zu ertragen war als ein wütendes Funkeln. »Versteh doch«, bat sie fast flehentlich. »Ich will nicht für den Rest meines Lebens darauf verzichten. Und ich habe nicht mehr unendlich viel Zeit dafür.« »Versuch bitte nicht, mich zu etwas zu überreden, was ich nicht will, Claudia«, war seine Antwort. »Das klappt sowieso nicht.«  Frustriert ließ sie die Schultern sinken. »Du hast gut reden«, schimpfte sie aufgebracht. »Du fällst eine Entscheidung und ich habe mich danach zu richten.« Aber ihr Zorn schien genauso an ihm abzuprallen wie alle anderen Versuche, die sie vorher gestartet hatte. »Nein«, entgegnete er ruhig. »Ich schreibe dir keineswegs vor, was du tun sollst. Ich bin lediglich nicht einverstanden mit der Rolle, die du für mich vorgesehen hast. Und bei der habe ich doch wohl ein Mitspracherecht, oder?« »Es geht aber nun mal nicht ohne dich«, fing sie an, aber er unterbrach sie: »Doch, es geht ohne mich. Es muss ohne mich gehen.

Denn, Claudia, hör mir gut zu: Meine Antwort ist nein. Und daran wird sich nichts ändern.« Er sah gerade noch, dass sie Tränen in den Augen hatte, als sie sich abwandte und aus dem Zimmer lief. Er ging ihr nicht nach, sondern ließ sich in einen der Sessel fallen und fuhr sich gedankenverloren durch die Haare. Es gab keine Lösung, die sie beide zufriedenstellen würde. Das bedeutete, nach zwei Jahren waren Claudia und er an einem Punkt angekommen, an dem es keinen gemeinsamen Weg mehr gab. Diese Feststellung tat ihm weh, dennoch sah er keine andere Möglichkeit, denn Claudias Vorstellungen waren für ihn völlig abwegig. Auf keinen Fall wollte er noch ein Kind. Nie und nimmer! Hinzu kam, dass sie ihn unter Druck zu setzen versuchte. Ein Gefühl, das er aus tiefstem Herzen verabscheute.  Erst ein einziges Mal war es jemandem gelungen, Robin zu etwas zu zwingen. Das war sein Vater gewesen, der von ihm verlangt hatte zu heiraten und ein eheliches Kind zu zeugen, bevor er den Vorsitz über die Firma ›H – Hair Cosmetics‹ übernehmen konnte. Nach monatelangem Sträuben hatte Robin sich schließlich gefügt und die bildhübsche Jenny Gerhardt geheiratet. Sie hatten eine Tochter zusammen, Becky, die inzwischen sieben Jahre alt war. Aber die Ehe hatte nicht lange gehalten, war für Robin nur Mittel zum Zweck gewesen. Er hatte sein Ziel erreicht, die Firma war auf ihn übertragen worden. Danach hatte er es eilig gehabt, die Fessel, als die er seine Ehe ansah, wieder loszuwerden. Oh, Jenny hatte es ihm nicht leicht gemacht, hatte ihn nicht einfach gehen lassen. Auch sie hatte versucht, Druck auf ihn auszuüben, ihn zum Bleiben zu bewegen, obwohl er fliehen wollte. 

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